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Überbehütung

"In Deutschland macht sich nur etwa die Hälfte der Grundschüler allein auf den Schulweg. 1970 waren es noch über 90 Prozent." Diese Information (Interwiew zur "Free-Range-Kids"-Bewegung, USA) aus dem Spiegel 21/2015 brachte mich zum Nachdenken. Brauchen wir auch eine "Freilandhaltung" für Kinder? Werden die Kinder in Buchloe / in Bayern / in Deutschland überbehütet und wenn ja, warum?
  • Morgens werden viele Kinder zur Schule gebracht (mit dem Auto oder Begleitung zu Fuß). Kommentar einer Mutter bei einem Informationsabend: "Ich fahre mein Kind in die Schule, weil ich in einer Ecke Buchloes wohne, wo so seltsame Gestalten rumlungern."
    In Buchloe gibt es keine Straßenkriminalität! Wenn bestimmte "Gestalten" als gefährlich klassifiziert werden, sind Vorurteile bei Kindern vorprogrammiert. Selbst den Weg in die Schule zu gehen oder mit dem Rad zu fahren macht Kinder selbständig und selbstbewußt
  • Andere Kinder werden zur Bushaltestelle begleitet und dort von meist Müttern beaufsichtigt (Schultaschen ordentlich in Reihe der Ankunft aufstellen, nicht schubsen, ärgern oder drängeln und dann in Reihenfolge einsteigen). Streiten Kinder während der Wartezeit, wird von Erwachsenen regulierend eingegriffen.
    Wenn Kinder alt genug für die Schule sind, sind sie auch alt genug für den Gang zur Bushaltestelle und dort Konflikte selbst auszutragen und auch mal zu verlieren, gehört zur normalen Entwicklung. Eltern, die alle Probleme für ihre Kinder aus dem Weg räumen, sind überflüssig und schaden der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder. Eine Schneeballschlacht an der Bushaltestelle ist auch nicht schädlicher als am Nachmittag.
  • Für Kinder aus dem Süden Buchloes und Lindenbergs wird seit längerer Zeit eine zusätzliche Gennachbrücke in Verlängerung der Lindenberger Straße gefordert.
    Angeführte Argumente:
    - Die Kinder werden bei schlechtem Wetter nicht so schmutzig, wie auf dem nicht geteerten Radweg parallel zum Lärmschutzwall der Autobahn.
    Zum Glück werden die fahrradfahrenden Kinder auf den zuführenden Straßen nicht dreckig, und wenn doch, könnte an den fehlenden Schutzblechen am Mountainbike liegen.
    - Die Kinder müssen, wenn sie bei schlechtem Wetter nicht den Radweg benutzen wollen, keinen Umweg fahren und nicht die gefährliche Münchener Straße benutzen.
    Der Umweg - ca. 400 m oder 1-2 Minuten - ist für die meisten Kinder, deren Eltern bei Elternabenden meist zu wenig Schulsport beklagen, natürlich nicht zumutbar. Die "gefährliche" Münchener Straße muss gar nicht befahren werden, wenn man den Radweg entlang der Gennach benutzt. Kinder, welche auf einer normalen öffentlichen Straße beim Fahrradfahren "gefährdet" sind, sollten noch nicht allein Fahrrad fahren.
    - Die Kinder müssen im Sommer nicht den Radweg am Lärmschutzwall benutzen, was gefährlich erscheint, wenn auf dem danebenliegenden Feld der Mais hoch steht, aus welchem die Kinder überfallen werden könnten.
    Ja - Kinder könnten aus dem Mais heraus überfallen werden - aber auch auf dem Weg dorthin ist das schon möglich und selbst aus dem heimischen Garten wurden schon Kinder entführt. Am besten die Kinder zu Hause unterrichten und den öffentlichen Raum komplett meiden - sicherheitshalber!
    - Die Kinder haben einen kürzeren Schulweg.
    Trifft nicht zu für die Lindenberger Kinder - gilt nur für Kinder aus dem Bereich der Lindenberger Straße, welche in das Gymnasium gehen. Den Schulweg von 4 auf 2 Minuten zu verkürzen ist natürlich sinnvoll.
  • Nahezu alle Kinder besitzen ab dem Grundschulalter ein Handy, damit sie im Notfall daheim anrufen können.
    Im Notfall ruft die Polizei an! Alles andere dient dem Sicherheitsbedürfnis der Eltern und verstärkt den Trend zur Unselbständigkeit, da Kind ja jederzeit daheim anrufen kann. Wenn der Bus vor der Nase weggefahren ist, darf man auf den nächsten warten und am nächsten Tag zum Bus laufen, statt zu trödeln und dann zu telefonieren. Die Gefährdungen durch nicht altersgerechte Inhalte, welche auf den Smartphones für Kinder zugänglich sind, werden von den meisten Eltern aber komplett ausgeblendet.

Ja - viele Kinder werden überbehütet und in der Persönlichkeitsentwicklung, zu der auch Anstrengung und Misserfolg gehören, behindert.